Die Grog-Bar in der Eiswüste
Der gegenwärtige Winter ist so mild wie die meisten Winter in
unseren Breiten. Von Zeit zu Zeit gibt es jedoch große Ausnahmen. Im
Dreißigjährigen Krieg soll es eine "kleine Eiszeit" gegeben haben. Die Ostsee
hatte so dickes Eis, dass die schwedischen Soldaten sie zu Fuß überqueren
konnten. Auch im Winter 1978/79 war unsere Insel für kurze Zeit zum Kältepol
geworden.
Ähnlich war es auch vor 80 Jahren gewesen, als ein besonders strenger Winter in
den Monaten Januar und Februar des Jahres 1924 die Pommersche Bucht viele
Kilometer weit mit einer festen Eisdecke überzogen hatte. Riesige Schollen
schoben sich übereinander und bildeten kleine Eisberge, sodass die weiße
Eiswüste einer Mondlandschaft glich. Viele Bewohner der Küstenorte, groß und
klein, unternahmen weite Eiswanderungen, zuweilen bis zum offenen Wasser der
Ostsee.
Ein findiger Gastwirt aus Swinemünde, Max Brede, unter dem Namen „Onkel Max“
bekannt, hatte den genialen Einfall, in dieser Eiswüste eine „Eskimo“ – Bar zu
eröffnen. Aus sehr dicken Eisblöcken wurde in Kürze ein geräumiges Eishaus
gebaut, und ein steifer Grog half nach der langen Eiswanderung, die kalt
gewordenen Glieder wieder aufzutauen. Und wo ein Grog nicht ausreichte, taten es
mehrere! Onkel Max servierte sie gerne in seinem "Iglu" , und vergaß sich selbst
dabei auch nicht. Einen richtigen „Rachenputzer“ (ja nicht zu viel Wasser!)
wusste er nämlich ebenfalls sehr zu schätzen. Sein Geschäft ging einige Wochen
recht gut, so dass sein Feuerwasser, auf einem großen Spirituskocher
hergestellt, oftmals ausverkauft war, und auch seine heißen Wiener Würstchen
wurden als eine vortreffliche Beigabe zum heißen Grog gerne angenommen. Mit der
Zeit hatte sich um „Onkel Max“ in seiner „Eskimo“ – Bar“ ein ständiger
Stammkundenkreis gebildet. Bis spät nachts wurde gebechert, was die Stimmung
hob, bis im Mondschein der Heimweg angetreten wurde. Eines Tages aber – es
war bereits Mitte März und der Vorfrühling lag in der Luft – sollte ein
Verhängnis den Treffen der grogfreudigen Zecherschar ein schnelles Ende
bereiten. Ein plötzlich aufkommender Landsturm brachte das Eis zum Bersten und
ehe die Zecher wussten, was mit ihnen geschah, schwammen sie mit ihrer
„Eskimo–Bar“ auf einer großen Eisscholle der offenen See zu. Da auch noch
starker Wellengang einsetzte, wurde die Angelegenheit recht ungemütlich, so dass
Onkel Max und seine Stammgäste schnell einen klaren Kopf bekamen. Nach mehreren
Stunden in Angst und Schrecken wurden die "Schiffbrüchigen" vom Lotsenturm aus
gesichtet, und eine Barkasse konnte alle wohlbehalten in den rettenden Hafen
bringen. Als Onkel Max aber schwor, in seinem ganzen Leben nie wieder eine
„Eskimo – Bar“ zu eröffnen, stimmten ihm seine Stammgäste unverzüglich zu ...
Einer wahren Geschichte nacherzählt von Fritz Kasch. Aus "Heimatglocken" 105,
Dez. 1964
Eintrag Im Swinemünder "Schweinekrieg kam sogar
das Militär zum Einsatz
Nach den ersten schweren Anfangen wuchs die Stadt so schnell, dass sie schon
1806 über 2500 Einwohner hatte. Aber nicht alles war einfach. So konnte man von
städtischem Grundeigentum eigentlich gar nicht reden, weil das ganze Stadtgebiet
als Forstbezirk dem König oder dem preußischen Staat gehörte. Als Kuriosum
entsprang aus diesen Besitzverhältnissen auch der für die Stadt und ihre Bürger
langwierige, erbitterte Schweinekrieg.
Gegner in diesem etwa 40 Jahre dauernden Tauziehen waren auf der einen Seite die
Swinemünder Beamten, auf der anderen Seite die Bürger, von denen fast jeder sein
Schwein im Stall hatte. Was fehlte, waren der nötige Auslauf für diese
nützlichen Tiere und das Futter. So trieb man das Vieh in den Wald, wozu die
Bewohner von Westswine berechtigt waren, später jedoch in die Plantagen.
Plantagen wurden die Anschwemmungen zu beiden Seiten der Packwerke beim Hafenbau
genannt. Es handelte sich hier um das beim Ausbaggern der Swine entstandene
Neuland, das mit Weidenruten und Erlenbäumchen befestigt worden war
(später entstand hier der Swinemünder Park). Das bald reichlich sprießende Grün
war für Schweine, Ziegen und Kühe eine große Verlockung. Einmütig wandten sich
die Forstverwaltung in Sorge um das Gedeihen der Wälder und die Hafenbaumeister,
denen die Schweine das Packwerk zerwühlten und alles Grün weg fraβen, gegen die
frei laufenden Schweine.
Schon in einem Schreiben an die Stettiner Kammer aus dem Jahr 1763 heiβt es: „
Weil die Einwohner von Swinemünde derart malicieuse sind, dass auch der
Bewährung um die Pflanzen, des Pfändens, sogar des Totschlagens ihres Wiehes
ungeachtet, dennoch eine groβe Verheerung mit ihren Schweinen anbringen, sollten
sie einen Viehhirten anschaffen“. Wahrscheinlich wäre es aber auch einem
göttlichen Sauhirten gar nicht allein gelungen, die Schweine von Swinemünde auch
nur annähernd in Zaum zu halten.
Im Jahre 1771 schritt der Magistrat zu der Maβnahme , die auf den Straβen und in
den Plantagen wühlenden Schweine erschieβen zu lassen. Zwei Schweine wälzten
sich bereits in ihrem Blut, da verbot der militärische Kommandeur, Leutnant von
Falkenberg , „die unnötige Schieβerei“. Das Verbot galt allerdings nicht
für jene Hunde, die ohne Knüppel um den Hals herumliefen.
Noch im Jahre 1789 beantragte der hilflose Magistrat bei der Kammer, den
Soldaten zu gestatten, jedes herrenlose Schwein zu greifen und verzehren, und
1793 berichtete der Justizamtmann Schachschneider erbittert an die Kammer: „Die
Bestien sind in mein Haus eingedrungen, haben Stühle und Tische umgeworfen und
mir , wie täglich anderen Bürgern, viel Ärger und Verdruss gebracht“.
Dr.J.Pl.
"Vineta-Glocken" aus der Alten Swine
Im Jahre 1895 Hafen wurden bei Arbeiten am Swinemünder Hafen in
der Nähe vom „Möwenhaken“ zwei alte Glocken gefunden. Kein Wunder, dass sich in
der Stadt in Windeseile die Kunde verbreitete, dass die Glocken der versunken
Stadt Vineta ans Tageslicht gefördert worden waren.
Wesentlich nüchterner beschrieb der bedeutende pommersche Kunsthistoriker und
Denkmalpfleger Hugo Lemcke den Fund. In seinem Werk „ Die Bau- und
Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Stettin“, Heft IV „Der Kreis Usedom –
Wollin“, (1900) heißt es: „Im Jahre 1895 wurden beim Baggern in Swinestrom zwei
Glocken in beschädigtem Zustande zu Tage gefördert, die dem Stettiner Museum zur
Aufbewahrung überwiesen sind. Die größere hat einen Durchmesser von 68 cm; ihr
ist die ganze Krone abgeschlagen, im übrigen aber ist sie wohlerhalten . Am
oberen Rande befindet sich 5 Rundschilde von 4 cm Durchmesser, die Darstellungen
aus der Leidengeschichte in Gruppen von 3 bis 4 Personen enthalten; das
Crucifixus der einen Gruppe zeigt die im 14. Jahrhundert übliche Form“. Lemcke
teilt auch die Inschrift mit, die sich am Mantel der Glocke befindet. In
„schönen klaren 5½ cm langen, ziemlich flachen gotischen Majuskeln“ ist
verzeichnet: „+O. REX.GLE. XPE VENI. CV. PACE+“ Auf Deutsch bedeutet dies: „ O
glorreicher König, Christus , komm mit Frieden“. Das Abkürzungszeichen über den
Buchstaben ist eine fünfzackige Krone. Außerdem ist die Glocke durch figürliche
Darstellungen des heiligen Nikolaus und der heiligen Katharina verziert,
die – 18 und 29 Zentimeter hoch – in Umrisslinien zwischen die Worte eingefügt
sind.
„Die tadellose Ausführung der Schrift, deren Buchstaben durch eine Mittelrippe
ausgezeichnet sind, macht neben der Sicherheit der Zeichnung in den Figuren die
Glocke zu einer der schönsten des ganzen Bezirks“, schätzte der Kunsthistoriker
den Wert des Stücks aus dem 14. Jahrhundert ein.
Die kleinere Glocke mit einem Durchmesser von 58 Zentimetern war in in deutlich
schlechterem Zustand. „Nur in ihrem unteren Teile, dem Schlagrande, und einem 10
bis 15 cm breiten Stück des darüber sitzenden Mantels erhalten“,
schilderte Lemcke. „ Sie zeigt keinerlei Schrift, die sich am oberen Teile
befunden haben mag, wohl aber am Schlagrande als Gießmarke einen plastischen,
stehenden Greif, der drei heraldische Strahlen in der vorgestreckten
Pranke hält“, so die Beschreibung des Denkmalpflegers. Daneben wurden
Bruchstücke von anderen Glocken, zum Beispiel ein Schlagrand, gefunden.
Lemcke beschrieb außerdem „ Gusskuchen von Bronze, die von kleinen Seemuscheln,
wie sie bei Swinemünde die Ostsee zahlreich auswirft, durchsetzt sind“. Aus
diesen geborgenen Teilen schlussfolgerte er , dass „die Glocken schon zur Zeit
ihres Versinkens beschädigt zu dem Glockengut-Bestande eines Gießers gehört
haben, der seine Kunst am Ostseestrande im Umherreisen ausübte“.
Lange Jahre bis zum zweiten Weltkrieg wurden die beiden Glocken im
Altertumsmuseum in Stettin aufbewahrt, wo sie vollkommen vergessen auf dem Hof
lagen. Heute existiert im Stettiner Nationalmuseum nur noch die größere Glocke.
Die kleinere wurde in den Kriegsjahren möglicherweise als Rüstungsmaterial
eingeschmolzen.
Dr.Jozef Pluciński

Foto links: Eisberge in Swinemünde. Winter 1923/24
Fotos unten (von links): Eisbrecher im Hafen.
Swinemünder Stadtplan mit den "Plantagen", dem späteren Kurpark.
Eine Glocke, die im Jahre 1895 in der Alten Swine gefunden wurde. Man nahm zunächst an, dass sie der sagenhaften Stadt Vineta zugeordnet werden könnte.


